Die Zeit Nr. 13/12
© Foto und Text: Maren Preiß

Tiger Mom

Eben noch dösten sie friedlich unter ihren Wärmelampen – doch jetzt besinnen sich die vier Tigerdamen und das Tigermännchen ihrer Kräfte. Wuchtig und elegant springen sie aus ihrem Käfig, setzen ihre Tatzen auf den schneebedeckten Boden des Außengeheges und durchmessen das Terrain mit stolzem Schritt. Wenige Augenblicke später springen sie aufeinander zu, fauchen sich an und holen zum Schlag mit ihren kräftigen Pratzen aus.

Aschanti, Face, Imani, Kiara und Gandhi sind fünf in Deutschland geborene bengalische Tiger. Bei jedem ihrer Sprünge stiebt Schnee, als hätte jemand in Puderzucker geniest. Kaum zu glauben, dass irgendjemand diese wilden Tiere bändigen kann.

Eine, die diese Kunst beherrscht, ist Carmen Zander: 38 Jahre alt, freiberufliche Raubtierdompteurin, Ziehmutter der fünf Tiger – und damit Vertreterin eines höchst seltenen Berufsbildes. Seit 2006 gastiert die gebürtige Chemnitzerin mit ihren Tigern in deutschen und europäischen Zirkussen. Zu Rock- und Technobeats lässt sie die Raubkatzen durch Reifen springen, auf Hinterbeinen rückwärts gehen und animiert sie zum Küsschengeben.

Doch die scheinbare Leichtigkeit ihrer Raubtiernummern täuscht: Ihr Job gehört zu den härtesten, die das Schaustellergewerbe zu bieten hat. Und zu den seltensten. Nach einer Schätzung des Berufsverbands der Tierlehrer gibt es bundesweit nur 20 freiberufliche Raubtierdompteure. Ein Beruf, für den es offiziell keine Ausbildung gibt und von dem man nicht weiß, wie lange es ihn überhaupt noch geben wird. Denn Tierschützer und die SPD-Fraktion im Bundestag möchten Wildtiere in Zirkussen am liebsten verbieten.

Dass Tiger auf Kommando Kunststücke vorführen, die nicht ihrer Natur entsprechen, halten Kritiker für unvereinbar mit der Würde der Tiere. Außerdem argumentieren sie, dass Dressur ohne Anwendung von Gewalt unmöglich sei. Ungeachtet der Kritik lehnte die Bundesregierung einen entsprechenden Verbotsantrag im Dezember vergangenen Jahres ab.

Das Treiben ihrer Raubkatzen auf einem Gelände im Leipziger Gewerbegebiet kann Carmen Zander an diesem Nachmittag deshalb gelassen verfolgen. Erst vor ein paar Wochen hat sie dort zusammen mit ihrem Assistenten ihr Winterlager aufgebaut, um sich für die neue Saison vorzubereiten. Heute zeigt das Thermometer minus elf Grad. Carmen Zander, gerade mal 1,61 Meter groß, steht in Steppjacke, Ohrenschützern und Winterstiefeln vor dem Außengehege.

Als Besucher begreift man schnell: Der Dompteurberuf wäre selbst im Sommer nichts für Weicheier. Carmen Zanders Zuhause besteht aus einem Mercedes Kombi, zwei Wohnwagen, einer Zugmaschine und zwei kapitalen Anhängern: Tigerkäfig und Gerätewagen. An ihren mächtigen Außenseiten steht in kunstvoll geschwungenen Lettern „Tigers on Tour“, daneben prangt ein überlebensgroßes Porträt von Carmen Zander, Kopf an Kopf mit einem ihrer Tiger. Am Zaun hängt ein „Betreten verboten“-Schild.

Im runden Außengehege haben sich die tierischen Gemüter dank der Zuwendung der Dompteurin inzwischen beruhigt. „Untereinander sind die Tiger brutal“, erklärt die 38-Jährige, deren blonder Pferdeschwanz bei jedem Schritt unbeschwert wippt. „Doch mich sehen sie als ihr Alphatier an.“

Die Methode, mit deren Hilfe die Dompteurin die natürliche Rangordnung außer Kraft setzt, heißt „sanfte Dressur“: Statt auf körperliche Gewalt setzt sie nach brancheneigener Definition auf ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Tier und Mensch – und auf Belohnungen in Form von Leckerlis oder Lob.

Eines dürfen die Tiger niemals merken: Dass sie stärker sind als die zierliche Frau

„Neben einem großen Wissen über das Raubtier sind viel Geduld und ein feines Gespür für die Körpersprache der Tiere erforderlich“, sagt Zander, die sich von Tigermännchen Gandhi ein Küsschen durch das Gitter geben lässt. „Man muss hoch konzentriert und ihnen gedanklich immer einen Schritt voraus sein, denn Tiger sind sehr launisch.“ Wozu aber dann Stöcke und Peitschen, wenn Verständnis, Lob und Leckerlis die Mittel der Wahl sein können? „Ich muss immer größer sein als der Tiger“, erklärt Carmen Zander. „Die Tiger erfahren nie, wie stark sie mir gegenüber sind.“

Raubtierdressur basiert demnach auf einem Irrtum: auf der Annahme, die bis zu 250 Kilogramm schweren Tiere seien ihrer vergleichsweise fliegengewichtigen Dompteurin körperlich unterlegen. Nur stürzen dürfe sie nicht, sagt Zander. Denn dann würde sie als verzehrfähige Beute gelten. „Die Tiger haben mich eben zum Fressen gern“, ist einer der Sätze, mit denen die Dompteurin gern kokettiert.

Der Weg zu ihrem Traumberuf war lang und mühsam: Neun Jahre besuchte sie die Kinder- und Jugendsportschule Leipzig, eine der zahlreichen Kaderschmieden des DDR-Hochleistungssports. Danach, die Mauer war gerade gefallen, folgte eine Ausbildung an der Berliner Artistenschule. Dort lernte sie Hula-Hoop, Trapez-Artistik und Jonglage. Nach ihrem Abschluss als staatlich geprüfte Artistin verdiente sie ihr Geld als Freiberuflerin in Galas, Varietés und Zirkussen. Im Zirkus fand sie schließlich ihre Berufung. „Dort bin ich das erste Mal mit Raubtieren in Berührung gekommen und wusste: Das ist es!“ Ihr Lebenstraum: irgendwann eigene Tiere besitzen, sie selbst aufziehen und dressieren. „Die Vorstellung, das Wilde zu bändigen, faszinierte mich“, erzählt sie.

Mitte der neunziger Jahre fing sie deshalb noch einmal von vorn an. Neben ihrem Beruf als Artistin arbeitete sie als Tierpflegerin, mistete Käfige aus und verbrachte viel Zeit mit den Tieren. „Das war wichtig“, sagt Zander, „damit die Tiere und ich uns gegenseitig kennenlernen, unsere Bewegungen und Geräusche. Man erfährt viel über das Beobachten.“ Parallel ließ sie sich von Meistern der Dompteurszene unterweisen, etwa von Marcel Peters und René Strickler. Wenig später durfte sie vertretungsweise erstmals fremde Dressurnummern übernehmen.

Am Ziel war sie aber erst 13 Jahre nach Ende ihrer Artistenausbildung, im März 2006: Dem nordrhein-westfälischen Safaripark Stukenbrock kaufte sie einen Wurf bengalischer Tiger ab. Die damals 32-Jährige zog die vier Monate alten, von der eigenen Mutter verstoßenen Babys mit der Flasche groß und begann, sie mit den Mitteln der sanften Dressur zu trainieren.

Sechs Jahre später weiß sie um den Preis, den sie für ihren Traum vom Leben als freiberufliche Raubtierdompteurin mit eigenen Tieren zu zahlen hat. Mittlerweile ist sie vor der Kälte des sächsischen Winters in ein Café geflohen, vor sich einen Teller Szegediner Gulasch mit Kartoffelklößen. „Die Tiger fordern mich rund um die Uhr. Ich habe einen 16- bis 20-Stunden-Tag, ohne Privatleben, ohne Urlaub, ohne freie Tage. Zeit, um Freundschaften oder eine Beziehung zu pflegen, bleibt da nicht.“

Hinzu kommen ein Leben im Wohnwagen und eine anstrengende körperliche Arbeit. „Das Lager muss während einer Tournee alle paar Tage wieder neu auf- und abgebaut werden, Podeste müssen gestemmt oder Reparaturen erledigt werden, und das bei jedem Wetter“, sagt die Dompteurin und umfasst das wärmende Latte-Macchiato-Glas. Ihren rauen Händen sieht man an, dass sie die Arbeit auch bei Wind und Regen nicht ruhen lässt.

Wenn ihr Job in Deutschland verboten wird, geht sie eben nach Amerika

Scharfer Wind kommt auch vonseiten der Tierschützer. Auf deren Kritik und ein mögliches Verbot der Wildtierhaltung in Zirkussen angesprochen, winkt sie genervt ab. „Mag sein, dass ein solches Verbot bei einigen Tieren sinnvoll ist, in Bezug auf meine Tiger ist die Kritik aber haltlos. Denn die Tiger bekommen mehrmals täglich Auslauf und werden durch die Dressur geistig angeregt und gefordert. Das bestätigen auch die Veterinäre.“

Und glaubt man dem Berufsverband der Tierlehrer, können selbst Tierverhaltensforscher wie Immanuel Birmelin nichts Verbotswürdiges an der Methode der sanften Dressur finden. Birmelin ist überzeugt, dass den Tricks in der Manege „arttypische Verhaltensweisen“ der Tiere zugrundeliegen. So basiere etwa der Sprung durch den Reifen auf dem natürlichen Beutesprung.

„Außerdem: Wenn einem Tiger etwas nicht passt, dann kann man sich auf den Kopf stellen, dann macht er es nicht“, sagt Zander. „Besonders schwierig wird die Arbeit, wenn die Raubkatzen rollig sind.“ Ernsthaft besorgt wirkt sie bei der ganzen Diskussion nicht. Denn für den Fall, dass ein solches Verbot eines Tages doch durchgesetzt werden sollte, hat sie längst einen Plan B entwickelt. „Dann eröffne ich mit meinen Tigern hier in Leipzig eine Tiershow. Oder ich gehe mit den Tieren nach Amerika, zwei Angebote liegen bereits vor.“

Im Moment hat Carmen Zander eigentlich Ruhepause: In ihrem Winterlager hat sie vorstellungsfreie Zeit. Trotzdem hetzt sie von einem Termin zum nächsten; ihre beiden Handys klingeln um die Wette. Einmal ist es die Werkstatt, ein anderes Mal der Fernsehsender Vox. Ob sie nicht beim Perfekten Dinner zum Thema „Starke Frauen“ mitmachen wolle? Als sie auflegt, lacht sie laut. „Ich und kochen?“

Das fragt eine, die eine fast kindliche Freude daran hat, einen 30-Tonner mit anhängendem Tigerkäfig über in- und ausländische Straßen zu bewegen. Und die eher in der Lage ist, eine halbe Kuh in tigermaulgerechte Stücke zu zerteilen, als für bürgerliche Tafelfreuden zu sorgen. Denn nicht immer finden sich auf Tourneen vor Ort Futterlieferanten, die das Rind-, Schaf- und Wildfleisch für die Tiger gleich passend portionieren. Rund 300 Kilogramm werden jede Woche an die Tiere verfüttert.

Nein, eigentlich gibt es im Moment Wichtigeres: Sie muss sich um die behördlichen Genehmigungen für ihre Tournee in die Schweiz kümmern, neue Sticks und Telefonkarten für Internet und Handy besorgen und die Garantiesache mit der Werkstatt klären. Gerade musste die Sattelkupplung ihres 30-Tonners erneuert werden. Während der Tournee wird sie wenig Zeit für Organisatorisches haben. Fast täglich stehen zwei Vorstellungen auf dem Programm. Das heißt für Carmen Zander zweimal täglich Proben, Maske, den Manegenkäfig aufbauen, ins Kostüm schlüpfen, lächeln und hoffen, dass wieder alles gut geht. Abschließend sagt sie: „Man muss für diesen Job schon fanatisch verrückt sein.“ Dann kauft sie Kuchen und verschwindet. Auf zum nächsten Termin.