Zeit Geschichte Nr. 2/13
© Foto und Text: Maren Preiß

"Gegen allen Zwang"

Die Geschichte des Lichtschulheims Lüneburger Land im niedersächsischen Glüsingen beginnt mit einem Schlag auf einen chinesischen Gong. An einem Maimorgen des Jahres 1927 weckt er um fünf Uhr früh zwei Jungen und ein Mädchen in einer reetgedeckten Fachwerkkate. Die drei sind die ersten Schüler des Reformpädagogen Walter Fränzel.

Ein zweiter sanfter Gongschlag (keine grelle Schulklingel!) gibt das Signal zum Aufbruch: Gemeinsam mit ihren Lehrern laufen die drei Sextaner durch die Heidelandschaft und machen gymnastische Übungen. Schüler und Lehrer sind unbekleidet. „Turnen völlig nackt“, so steht es in der Heimordnung, Paragraf 5.

Nach der Heimkehr versammelt man sich zum Frühstück; es gibt Haferflocken und Milch. Um sieben Uhr beginnt der Unterricht in der Stube der Bauernkate. 15 Quadratmeter, Holzdielen, Fenster an zwei Seiten, Blick ins Grüne. Eine dunkle Eichenbank, ein großer Tisch, ein paar Stühle. Kinder und Lehrer, so berichten es zahlreiche Besucher, die das Lichtschulheim besichtigen, sind unbekleidet, wann immer die Temperaturen es erlauben. „Kein dummes sich Genieren! Körperfroh! Nacktfroh!“, heißt es in Paragraf 22.

Das Lichtschulheim ist eines der mutigsten reformpädagogischen Experimente seiner Zeit. Nackt zu turnen ist zwar an vielen Reformschulen seit der Jahrhundertwende üblich, Walter Fränzel aber erklärt die Freikörperkultur auch darüber hinaus zum Programm. Wie Gustav Wyneken und andere Neuerer lehnt er die Untertanenerziehung mit ihren strengen Sitzreihen und dem Frontalunterricht eines monarchengleich agierenden Lehrers ab. Zuwendung und Empathie sollen das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern bestimmen – in einer Schule, die sich fernab von den schädlichen Einflüssen der Großstadt als familiäre Gemeinschaft versteht.

Ausflüge, Aktzeichnen, Leseabende, Theaterspiel und Gartenarbeit stehen ebenso auf dem Lehrplan wie die klassischen Unterrichtsfächer. Dazwischen dürfen die Schüler an „einsamen Tagen“ allein durch die Natur streifen oder in die Stadt fahren, um Selbstständigkeit zu erlernen. Im Landschulheim herrscht von 13 bis 15 und von 21 bis 5 Uhr Ruhe. Türen bleiben unverschlossen.

Wirklich einzigartig macht die Heidekolonie die konsequente Verbindung fast sämtlicher Ideen der Lebensreform: Nur in der Priory Gate School im englischen Suffolk werden Vegetarismus, Freikörperkultur und Koedukation mit derselben Selbstverständlichkeit gelebt wie in Glüsingen. Ein Wunder, dass die radikale Reformschule trotzdem staatlich anerkannt wurde.

Ihr Gründer, der 1889 im vogtländischen Plauen geborene Offizierssohn Walter Fränzel, leidet schon als Jugendlicher unter dem restriktiven Klima des Kaiserreichs. Schulen sind für ihn „graue Kästen, in denen einem beim Eintritt vor lauter teils weihrauch-, teils bazillengeschwängerter Luft übel wurde“. Als 17-Jähriger notiert er in seinem Tagebuch: „An mir selbst mache ich höchst interessante Beobachtungen. Von maßlosem Idealismus, der sich gegen allen Zwang und alle Regeln, gegen seichte, platte Denkungsart der Gegenwart stemmt, sich für Natur und Kunst, für ein höheres, geistiges Naturerleben begeistert.“

Fränzel studiert in Rostock, Leipzig, Jena und Berlin, zunächst Naturwissenschaften, dann Germanistik, Englisch, Geschichte und Philosophie. In Jena gründet er eine Freistudentenschaft und schließt sich dem jugendbewegten Sera-Kreis um den Verleger Eugen Diederichs an. Nach dem Krieg hält der mittlerweile Promovierte eine Schulreform für dringlicher denn je. 1919 erscheint im Verlag seines Mentors sein Werk Volksstaat und höhere Schule, ein Plädoyer für die nationale Einheitsschule.

Acht Jahre später ist es so weit: „Jetzt schien uns die Zeit gekommen“, schreibt Fränzel in seinen autobiografischen Aufzeichnungen, „alles, was wir je über Schulreform gelesen und uns selbst zurechtgemacht hatten, mit einem kühnen Handstreich oder zähem Unterminieren umzusetzen.“ Fränzel pachtet mehrere Hektar Land, und er kauft zwei reetgedeckte Bauernkaten mit einem großen Obst- und Gemüsegarten zur Selbstversorgung.

Die Zahl der Schüler in einem Schuljahr ist meist an einer Hand abzuzählen, Mädchen gibt es nur wenige. Die Jugendlichen kommen aus allen Teilen des Deutschen Reiches. Als Berufe der Väter werden im Schuljahr 1930/31 angegeben: Lehrer, Abteilungsvorsteher, Studienrat, Großfuhrunternehmer, Obergerichtsvollzieher. Fränzel selbst arbeitet neben seiner Schulleiter-Tätigkeit als Lehrer an der Karl-Marx-Aufbauschule in Berlin.

Daneben betreibt er auf dem Schulgelände ein vegetarisches Ferienheim, das Gäste aus dem In- und Ausland anzieht. Es soll den Jugendlichen als Schule des Lebens dienen: „Die Kinder lernten prächtige Menschen aus allen Berufen kennen. Sie sahen, wie Künstler malten und zeichneten, erlebten allerhand gute Musik, hörten Berichte und sahen Bilder von jemandem, der soeben aus Norwegen kam, kamen mit waschechten Engländern in Gespräch und Verkehr“, schreibt er später euphorisch.

Fränzels Aufzeichnungen dokumentieren, wie auch viele Fotos, die an der Schule entstanden, wohl eher seine Wünsche als die Wirklichkeit. Ein Foto zeigt Schüler, die, einen Diefenbachschen Schattenfries nachstellend, in einer Art Prozession nackt durch die Heidelandschaft ziehen; ein anderes eine Geografiestunde, in der sich Lehrer und Schüler nackt um einen Globus versammeln, während ein Hund friedlich daneben schläft – solche Szenen sind ganz offensichtlich inszeniert. Sie zeigen die Welt, wie sie nach Fränzels Vorstellungen sein soll.

1927 schreibt er in seiner Schulbroschüre, dass es Strafen in Landerziehungsheimen „so gut wie nicht mehr“ gebe. Stolz fügt er hinzu: „Bei uns wird aber darüber hinaus kaum mehr gescholten oder kommandiert.“ In der Praxis funktionierte dies nicht immer. „Als ich Ostern vorigen Jahres hierher kam, glaubte ich, dass es möglich sei, Kinder ohne eigentliche Strafen zu erziehen, und dass es günstig wäre, sie wie Erwachsene zu behandeln, in der Erwartung, dass sie sich dann auch entsprechend wie Erwachsene benehmen“, schreibt ein Lehrer des Lichtschulheims 1930 in ein eigens eingeführtes Heft, in dem „aufquellende Gedanken und Meinungen“ von Lehrern und Schülern festgehalten werden sollen, „auch da, wo sie ablehnend oder widerstrebend“ sind. Der Lehrer fährt fort: „Meine Erfahrungen hier in Glüsingen haben mir gezeigt, dass ich mich geirrt habe.“

Es ist ein Konflikt, wie er aus dem Prinzip des „pädagogischen Eros“ früher oder später erwachsen musste. „Pädagogischer Eros“ ist das Herzstück der neuen Erziehungsphilosophie. „Eros“ meint dabei kein sexuelles Begehren. Das Ideal ist eine platonische Liebe zwischen Lehrern und Schülern. Aber aller Freundschaftsrhetorik zum Trotz blieben Letztere doch immer auch Abhängige.

Im Oktober 1931 enden die Einträge in dem Heft. Zwei Jahre später ist die Schule Geschichte, die Nationalsozialisten verbieten sie. Wer heute im Sommer das ehemalige Schulgelände besucht, findet dort einen kleinen FKK-Zeltplatz, geführt von den Nachkommen des Schulgründers. Aus dem Lichtschulheim wurde das Lichtheideheim, das Logo ist dasselbe wie 1927. Und während Bewohner dort bis heute Luftbäder nehmen, legt sich in Fränzels Bauernkate der Staub auf einen alten Globus und einen chinesischen Gong.