Süddeutsche Zeitung, 1.09.2006
© Foto und Text: Maren Preiß

Die diskreten Geschäfte der Cosa Nostra GmbH

Lange her, dass in Palermo ein Knall den Tod bedeutete. Heute knallt es nur noch an Festtagen. Zuletzt Mitte Juli, zum Fest der heiligen Rosalia, als der große Prozessionszug durch Palermos Altstadt wieder mit einem gigantomanischen Feuerwerk gekrönt wurde. Lange her, dass sich nach Geschäftsschluss niemand mehr auf die Straße traute und die gesamte Stadt aussah, als wäre der Krieg eben erst zu Ende gegangen.

Es war der ehemalige Bürgermeister Leoluca Orlando, der der Stadt Anfang der neunziger Jahre die primavera palermitana bescherte, den Frühling Palermos. Heute sind Teile der Altstadt saniert. Straßencafés und das nach 23 Jahren wiedereröffnete Teatro Massimo gehören so selbstverständlich zum Stadtbild wie die roten Kuppeln der Klosterkirche San Giovanni degli Eremiti.

Vorbei die Zeiten, als in Palermo niemand das Wort Mafia aussprechen wollte. Heute wird nicht nur in Schulen offen über sie geredet, heute macht man sich sogar über die Mafia lustig. Seit zwei Jahren erscheint in Palermo das Satireblatt Pizzino. Einmal im Monat verwandelt Redaktionsleiter Gianpiero Caldarella die Steilvorlagen von Mafiabossen und Politikern in ein Stück bittersüßer Gesellschaftskritik. Nach Jahrzehnten des blutigen Terrors könnte man meinen, Palermo sei zur Normalität zurückgekehrt. Könnte annehmen, nie sei Orlandos sizilianischer Karren mit den beiden Rädern Kultur und Legalität geschmierter gelaufen als dieser Tage. Doch man muss nur die Stärke der sizilianischen Mafia am gesellschaftlichen Konsens messen, um deren ungebrochene Macht zu erkennen.

Ihre jüngste Metamorphose hat die Cosa Nostra für einen Prozess der Verbürgerlichung genutzt. Die neue Mafia ist mit Freiberuflern wie Ärzten und Juristen sowie Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung zur so genannten borghesia mafiosa, zum mafiosen Bürgertum, verschmolzen. Mit anderen Worten: Die Mafia ist in der Gesellschaft angekommen.

Der Mafiaboss von heute ist wohlhabend, gebildet, gut gekleidet. Politisch fühlt er sich bei den Mitte-rechts-Parteien UDC und Forza Italia zu Hause. Ethisch huldigt er bürgerlichen Werten wie Erfolg, Reichtum und Macht. Er ist einer, der was darstellt. Ein Machertyp. Ein Vorbild für die junge Generation.

Denn wie kein anderer kennt er den Markt. Er weiß, dass die Abfallwirtschaft profitabel ist, weil es auf Sizilien keine Gesetze zum Schutz der Umwelt gibt. Er weiß, dass die staatliche Wasserversorgung unzureichend ist und dass es das Leben verlängern kann, sich in einer Privatklinik behandeln zu lassen. Und er weiß, dass das Engagement im privaten Gesundheitsbereich neben satten Profiten noch einen weiteren Vorteil verspricht: Mediziner bringen die Schweigepflicht qua Profession mit.

Wie gesellschaftsfähig die neue Mafia ist, zeigt der Ende Juli in Rom vorgestellte Jahresbericht der italienischen Handelsverbände Confesercenti und SOS Impresa. In ihm wird eine wachsende Durchdringung der Wirtschaft durch die Mafia beklagt. Es gebe keinen Bereich, der nicht von ihr unterwandert werde. „Sie tritt als Vermittler oder als Lieferant auf, sie operiert im Immobiliensektor, erwirbt als Gesellschafter Firmenanteile und ist auf den internationalen Finanzmärkten präsent.“ Geschätzter Jahresumsatz der Mafia GmbH: 75 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Ein Unternehmen wie Telecom Italia erzielt gerade einmal ein Zehntel dieses Umsatzes.

Palermo gehört laut Bericht zur „roten Zone“. Sämtliche wirtschaftlichen Aktivitäten der Stadt werden demnach von der Mafia kontrolliert. Ob die Edelboutiquen in der Innenstadt, die Hotels oder die Restaurants im mondänen Badeort Mondello: Dem pizzo entkommt niemand. Der pizzo ist eine Art Versicherungsgebühr, mit der Risiken versichert werden, die man ohne die Mafia nicht hätte, Brandanschläge zum Beispiel. Das Schutzgeld wird laut Studie von achtzig Prozent der Unternehmen gezahlt. Aber selbst über die verbleibenden zwanzig Prozent sollte man sich keine größeren Illusionen machen: „Die Firmen, die keinen pizzo zahlen, gehören der Mafia oder stehen mit ihr in enger wirtschaftlicher Beziehung.“

Zu diesen Unternehmen muss laut Jahresbericht von Confesercenti-SOS Impresa nun auch Palermos traditionsreichstes Schnellrestaurant gezählt werden, die Antica Focacceria San Francesco. Seit 1834 werden hier köstliche Milzbrötchen, Reiskugeln und Teigkrapfen hergestellt. Touristen wie Einheimische stehen für das sizilianische Fastfood Schlange. Gut laufende Geschäfte aber wecken in Palermo Begehrlichkeiten. Der alte Besitzer wurde so lange mit überzogenen Schutzgeldforderungen erpresst, bis er verkaufen musste: an die Cosa Nostra GmbH. Das Geheimnis ihres Erfolges erklärt sich aber vor allem aus einem anderen Satz. „Neben den klassischen parasitären Aktivitäten wie Schutzgelderpressung und Wucher (die Mafia besitzt eine eigene Kreditanstalt, Anm. d. Red.) hat sich die Mafia mit eigenen Unternehmen in das Netz wirtschaftlicher Beziehungen infiltriert, indem sie heimliche Absprachen mit Politik und Verwaltung trifft“, heißt es in der Studie. Dies gelte vor allem für die Kontrolle der Auftragsvergaben und der öffentlichen Versorgungsbetriebe.

Vorbei die Zeiten, als Mafiabosse sich in Wellblechgaragen trafen. Heute speist man vornehm in den Salons der bürgerlichen Palazzi und übt sich im Ringtausch. Stimmen werden mit öffentlichen Aufträgen verrechnet, Aufträge mit Sachleistungen und Vorstandsposten vergolten. In den Gerichtsprotokollen liest sich das später so: „Hätte ich gewusst, dass Angelo Siino (damals „Minister für öffentliche Arbeiten“ der Cosa Nostra, Anm. d. Red.) ein Mafiaboss ist, wäre ich nicht zu ihm nach Hause gegangen, um ihn um Stimmen für die Wahl zu bitten. Hätte ich gewusst, dass gegen Francesco Campanella ermittelt wird, hätte ich nicht die Handys benutzt, die auf seinen Namen liefen.“ Es sind die Worte des sizilianischen Regionalpräsidenten Totò Cuffaro. Er steht in Palermo wegen Unterstützung der Mafia vor Gericht. „Was ich gemacht habe“, so Cuffaro zu Prozessbeginn, „erinnere ich. Es ist das, was nicht existiert, was ich also nicht erinnern kann.“

In anderen Ländern schürt so etwas den Zorn des kleinen Mannes. Doch in Palermos Armenvierteln sind Wut und Empörung auch nach langer Suche nicht zu finden. Das Albergheria-Viertel, Palermos offene Wunde mitten im historischen Zentrum: Häuserruinen, Armut. Hier gärt nicht die Wut, sondern allein der Müll, der am Ende eines langen Markttages auf den Straßen vor sich hin gammelt. In den Straßen des Viertels hängen auch sechs Wochen nach der Regionalwahl von Ende Mai noch immer die Plakate der Mitte-rechts-Parteien. Hier stimmt ein ungelernter Kellner das Hohe Lied auf die Schwarzarbeit und die Kunst des Sich-Arrangierens an. Da hat einer gerade „Forza Italia“ auf ein Laken gesprüht und an einer Blechbaracke befestigt. Vor der Regionalwahl tanzte man hier mit den Fahnen der Berlusconi-Partei durch die Straßen, 50 Euro soll es für diese „Gefälligkeit“ gegeben haben.

Den Soziologen Umberto Santino, der seit dreißig Jahren das Phänomen Mafia erforscht, wundert das alles nicht. Der 65-Jährige kennt das Albergheria-Viertel wie seine Westentasche. Hier hat er jahrelang Sozialstudien betrieben. „Die ärmsten Schichten“, sagt Santino, „werden durch das Klientelsystem der Mitte-rechts-Parteien mit kleinen Zuwendungen und Gelegenheitsjobs alimentiert.“ Im Gegenzug wird bei den nächsten Wahlen das Kreuz wieder an der richtigen Stelle gemacht.

Palermo scheint also ein weiteres Mal auf einen Erlöser zu warten. Besuch bei Leoluca Orlando, Palermos ehemaligem Bürgermeister, der die Stadt schon einmal aus Isolation und Gleichgültigkeit gerissen hat. Derzeit sitzt er als Abgeordneter für die Partei Italia dei valori („Italien der Werte“) im römischen Parlament. Einer erneuten Kandidatur als Bürgermeister von Palermo ist er nicht abgeneigt.

Natürlich hat auch Leoluca Orlando kein Patentrezept für den Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. Aber er ist einer, der Wut in sich trägt. Auf jene Sizilianer, die nur die Zehn Gebote und das Strafgesetz als Regeln respektieren. Und auf jene, die die Bekämpfung der Mafia allein der Justiz überlassen wollen. Er ist wütend auf Pietro Lunardi, den vorigen Infrastrukturminister. Der hatte gesagt, man müsse mit der Mafia leben. Und natürlich ist er auch wütend auf Berlusconi, der durch die Missachtung von Ethik und Moral dem Land in den vergangenen fünf Jahren den größten Schaden zugefügt habe. Eine Tragödie nennt Orlando es, dass Berlusconi den Sizilianern den Interessenskonflikt, die Verquickung von Macht und persönlichen wirtschaftlichen Interessen, als Erbe hinterlassen hat. Vorbei die Zeiten, als einem Anliegen mit sauber gebündelten Geldscheinen Nachdruck verliehen wurde. „Das Schmiergeld des dritten Jahrtausends ist der Interessenskonflikt“, konstatiert Orlando. „Jetzt müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass es eine neue Mafia gibt, die eine neue Form von Illegalität ausübt.“

Orlando hat eine Vision: das ABC der Legalität. „Sizilien braucht einen ethischen Alphabetisierungsprozess“, sagt der Abgeordnete einer Partei, die sich „Italien der Werte“ nennt. Die ersten Regeln sind schon formuliert und werden gerade in einen Gesetzesentwurf gegossen. So soll ein Politiker, der einen Mafioso besucht und Kontakte zur Mafia unterhält, seines Amtes enthoben werden. Und dann die jungen Erwachsenen. Sie will Orlando mit 18 Jahren für ein Jahr ins Ausland schicken: zur Berufsvorbereitung und zum Fremdsprachenerwerb. Vor allem aber, damit sie fern von Mafia und Korruption eine andere Realität, andere und vielleicht sogar bessere Werte kennen lernen, die sie später importieren können.

Bis dahin aber muss Rosalia helfen, die Stadtpatronin. Sie hatte Palermo schon einmal, 1624, von der Pest befreit. Wie sagte im Juli noch Palermos amtierender Bürgermeister und Forza-Italia-Mann Diego Cammarata: „Aus dem Fest der heiligen Rosalia sollen die Palermer Energie, Begeisterung und zivile Tugenden schöpfen, mit denen sie den modernen Formen der Pest begegnen können.“ Panem et circensis, Brot und Spiele, nannte man das in der römischen Antike.